momomaus


fiftyfifty

ein Interview 2011

fifty-fifty ist eine Zeitschrift des –> VFG zur Unterstützung wohnungsloser Menschen
Frisch erschienen war das Buch "Bio trotz Hartz IV"
 
für usszedrucke: –> fifty-fifty.pdf
 
Ohne Geschmacksverstärker, Füllstoffe, Konservierungs- und Farbstoffe
Interview mit dem Geschäftsführer des Beueler Bioladens MOMO, Raoul Schaefer-Groebel
 
Guten Tag Herr Schaefer-Groebel, was gibt es denn heute bei Ihnen für Produkte im Angebot ?
Wir bemühen uns täglich aus allen Sortimentsbereichen ein Angebot zu präsentieren; das heißt, das Produkt ist für einen befristeten Zeitraum günstiger als „normal“ und ggf. kann es auch probiert werden.
Wir bemühen uns um Angebote die auch Sinn machen, z.B. Obst und Gemüse aus unserer Region, angepasst an die Jahreszeiten, Produkte aus fairem Handel, jede Woche ein paar Brote unserer regionalen Biobäcker, etc..
 
Aber eigentlich ist es Quatsch; abgesehen davon das ein günstigerer Preis das Probieren vereinfacht und die Enttäuschung, sollte es nicht den eigenen Geschmacksvorstellungen entsprechen, nicht so groß ist: Am Ende kommt es aufs gleiche raus, et kost`wat es kost`: Wenn ein Produkt günstiger ist muss ein anderes den Ertrag bringen den ein Betrieb eben braucht um zu überleben.
Das mag bei Supermarktketten nicht zwingend so sein, aber bei Einzelhändlern wie MOMO trifft es zu.
 
Und was kosten die Produkte im Vergleich zu Nicht-Bio-Produkten?
Bioprodukte haben, was den Preis angeht, ein schlechtes Image. Immer noch. Obwohl wir mittlerweile oft günstiger sind als Tengelmann & Co. Dennoch ist ein Bioprodukt von Anfang an aufwendiger in der Erzeugung. Und damit auch kostspieliger. Was der konventionelle Landwirt mit der chemischen Keule erledigt macht der Biobauer in mühsamer Handarbeit. Die Erträge liegen deutlich unter denen eines konventionellen Ackers, die Milchmenge einer Biokuh deutlich unter jener einer Turbokuh. Die Flächen sind kleiner, der Aufwand größer.
 
Vor allem verarbeitete Produkte, z.B. einer kleinen Firma, aus besten, frischen Bio-Zutaten, handwerklich hergestellt, ohne Geschmacksverstärker, Füllstoff, Konservierungs- und Farbstoff haben einen anderen Preis als Fabrikware bei der vorrangig auf den Preis- und nicht auf die Qualität- geachtet wird.
Zudem ist im Biohandel die saisonabhängige Preisschwankung deutlicher spürbar. Kosten hier die Zwiebeln im Winter deutlich mehr als im Sommer, wird dort der Preis das ganze Jahr gehalten und im Sommer ordentlich dran verdient.
 
Wer im Winter Bio-Tomaten möchte muss dafür auch richtig was hinlegen, wer sich hingegen an der Saison orientiert kommt günstiger weg.
Ebenso macht es sich bemerkbar welche Art von Produkten gekauft werden, wie viel Zeit für die Küche investiert wird.
 
Mit einem Kilo Weizen für Einsfuffzig lässt sich eine Großfamilie satt machen- wenn man weiß wie. Dieses Wissen ist aber eher verloren gegangen, zwischen Tütensuppe und Tiefkühlpizza ist kein Raum für Phantasie. Das hat die Lebensmittelindustrie schön hingekriegt. Wie geplant kauft die Mehrheit deren Billigware, aus schlechten Zutaten, aufgepeppt mit Geschmacksverstärkern, so dass letzten Endes die „richtigen“ Lebensmittel sogar nicht mehr schmecken weil die Geschmackszellen völlig überstrapaziert sind.
Zudem, nicht einkalkuliert in den Preisen im Supermarkt sind die Folgekosten. Damit meine ich die Kosten, die unsere Gesellschaft schon jetzt und vor allem in der Zukunft dafür zu tragen hat, die Schäden wieder zu reparieren. Schäden durch z.B. die Gentechnik, die Wasserverschmutzung mit Nitraten und Giften aus der Landwirtschaft, nicht zuletzt die Klimaveränderungen durch Landwirtschaft, Viehhaltung und durch unsinnige Transporte, vor allem durch Flugware.
Dieser „Rucksack“ ist bei Bioprodukten deutlich geringer als bei Konventionellen.
 
Seit wann gibt es den Bioladen Momo in Bonn?
Gegründet wurde Momo 1983. Zufällig an dem Tag als die „Grünen“ in den Bundestag einzogen war unsere Eröffnung, am 29.März 1983.
 
Wie waren die Reaktionen der Bürger bei der Eröffnung?
Abgesehen von jenen die dringend darauf gewartet haben, endlich in Beuel eine Einkaufsstätte für „alternative“ Lebensmittel zu haben, war Momo von der Beueler Bevölkerung eher belächelt worden, wurden wir als „Spinner“ abgetan.
 
Was unterscheidet einen Bioladen wie Momo heute und früher?
Neben dem Thema Nahrung war und ist unser Anliegen, gesellschaftliche Themen in den Fokus der Bevölkerung zu rücken.
Damals, in den 80ern, konnte man nicht mal eben googlen um Informationen z.B. aus Bereichen wie Fairer Handel und Dritte Welt oder Atomkraft zu bekommen, da war echte Recherche angesagt.
Heute sind wir zudem professioneller.
Wir sind heute „richtige“ Kaufleute, angefangen bei betriebswirtschaftlichen Kenntnissen bis hin zu einer perfekten Käsetheke mit 180 Sorten, von Bestellwesen über Hygieneverordnung, heute wird nicht mehr improvisiert sondern nach Plan gehandelt.
Damals gab es kaum Ware, und wenn, dann stimmte häufig die Qualität nicht, ob bei Frischware oder haltbaren Produkten. Da haben wir uns ein „Gammel“-Image aufgebaut, es hat viele Jahre gedauert das zu widerlegen.
Die wenige verfügbare Ware musste oft selbst beschafft werden, Momo gründete die erste Bonner Bio-Logistik und verteilte die Ware regionaler Erzeuger und Hersteller, vom Bäcker bis zum Gemüsebauer, in den Bonner Bioläden.
Die verfügbare Ware musste oft noch abgefüllt, Getreide aus Säcken in Tüten gefüllt werden, Müslizutaten gemischt und verpackt und etikettiert und dokumentiert werden.
Das waren 2 Arbeitsplätze bei Momo. Heute bekommen wir alle Ware in den passenden Gebindegrössen angeliefert, 6x jede Woche von regelmäßig 20 Lieferanten.
Heute sind wir kein Kollektiv mehr sondern ein inhabergeführtes Unternehmen. Wir bilden aus, wir bieten Praktikumsplätze, alle „Momos“ sind in Festanstellung, den Aushilfsstatus gibt es nicht.
Alle Mitarbeiter sind Verantwortungsträger und mit Herz & Seele bei der Arbeit, weder die Mitarbeiter noch die Waren sind austauschbar. Trotz unsere Expansion auf 600qm führen wir z.B. keine Flugware und bevorzugen weiterhin regionale Ware.
 
Was bietet Momo den Kunden?
Ein Vollsortiment, rund um Lebensmittel, Haushalt, Kosmetik.
Schwerpunkt liegt in der „Frische“, also möglichst unverarbeitet und naturbelassen soll es sein: Obst & Gemüse, Milch & Milchprodukte, Käse, Brot, die Metzgerei ist eine perfekte Ergänzung.
Und es gibt Naturkosmetik, Katzenfutter, auch Tiefkühlware, Getreidemühlen, Spielzeug, Bücher, Bier & Wein, nicht zuletzt auch heute noch jenes Produkt das einer ganzen Bewegung seinen Namen gab: Müsli !
Seit 1994 gibt es MOMOs Gemüseabo & Lieferservice, neuerdings mit Onlineshop. Auslieferung in Beuel mit dem MomoBil, unserem Transportrad. Anderswo per Kurier oder Fahrradkurier.
Es gibt immer was zu naschen und, vor allem, gute Stimmung bei den Mitarbeitern.
Es gibt fachkundige Chefs und Mitarbeiter die auch ZEIT HABEN zu beraten.
 
Wieviele Personen sind bei Momo beschäftigt?
Wir sind fast 30 Menschen, darunter 5 Auszubildende. Sechs sind allein im Gemüseabo beschäftigt.
Plus Metzgerei, plus Bistro, plus Fahrradkurier und Speditionen zur Auslieferung der Ware.
 
Was würden Sie sagen, ist der Nicht-Bio Apfel aus der Region besser als der Bio-Apfel aus Argentinien?
Ich habe gar keine Äpfel aus Argentinien. Aber nichts desto trotz, es gibt sie. Für uns gehört so etwas nicht in den Laden, außer die heimischen Äpfel wären sämtlich ausverkauft.
Wenn im Frühjahr nichts europäisches mehr zu bekommen ist kann man auch bei Momo Argentinische Äpfel kaufen. Aber eben erst dann. Keine Flugware, nur Schiffstransport oder Verzicht.
Erschreckend ist, dass diese Ware, quer durch die Welt gekarrt, meist deutlich günstiger ist als die regionale Ware.
 
Gibt es unterschiedliche Arten von Bioprodukten?
Ja. Es gibt ein „2-Klassen-Bio“.
Der Anbau von „Bio“ ist erst seit den 90er Jahren gesetzlich geregelt. Vorher waren es private Verbände die ihre eigenen Richtlinien und Kontrollmechanismen installierten.
Der Demeter-Verband schon seit Anfang des 20.Jahrhunderts.
Anhand dieser Richtlinien wurden die Europäischen Richtlinien entworfen, doch deutlich wässriger.
Die Produkte, die diesen Mindestanforderungen entsprechen, sind allein mit dem Europäischem „Bio-Logo“ (oder auch „Künast-Logo“ ) gekennzeichnet.
Dennoch gibt es auch weiterhin Ware die zusätzlich nach den Kriterien von Demeter, Bioland u.a. zertifiziert werden.
Hier stehen weitreichendere Ansprüche an Erzeuger und Verarbeiter im Vordergrund, z.B.
- Ein Demeter-Betrieb muss komplette auf Bio umstellen, ein parallel konventionell bewirtschafteter Zweig kommt nicht in Frage.
- Angestrebt wird ein geschlossener Kreislauf, vom Anbau des Futters bis zur Herstellung und Vermarktung von Fleisch und Käse.
- Es gelten strengere Regeln was z.B. die Verwendung von Dünger, Medikamenten, Zusatzstoffen und die Anzahl der Tiere pro Quadratmeter betrifft. Die meist günstigere EU-Bio-Ware ist das gängige Produkt in den konventionellen Supermärkten. Sie ist billiger. Wir bevorzugen die Ware die zusätzlich nach o.g. strengeren Kriterien angebaut und verarbeitet wird.
 
Eine immer noch gängige Meinung zu Bioprodukten ist, dass diese für Besserverdienende sind. Sehen Sie das genauso?
30% der BundesbürgerInnen kaufen nie Biolebensmittel. Vor allem jüngere Personen, unter 30, sowie jene mit einem niedrigen Einkommen. Die Bereitschaft zum Einkauf im Bioladen steigt mit dem Haushaltseinkommen und dem Bildungsgrad.
Reichlich Studien gibt es zu dem Thema, meist kommen sie zu dem Ergebnis das es letzten Endes nicht teurer ist. Aber das hängt auch damit zusammen dass diese Haushalte
- weniger Fleisch konsumieren
- seltener ausgehen zum Essen
- weniger Drogen konsumieren
und eben vor allem viel selbst zubereiten, z.B. aus frischem Obst und Gemüse.
 
Wer sich mit dem Thema Essen mehr beschäftigt und Zeit investiert wird günstig davonkommen; wer seinen Speiseplan nur tauscht und z.B. aus der Mikrowelle lebt wird im Bioladen auch fündig, muss aber diesen Luxus bezahlen können.
Und es ist eine Frage der Priorität, wir Deutschen geben lieber unser Geld für Auto, Kleidung, Urlaub aus als für gutes Essen. Im Schnitt keine 10% des Einkommens, im Vergleich dazu gibt der Franzose fast 40% seines Einkommens für Lebens- und Genussmittel aus.
Keine Frage, es gibt eine soziale Schieflage in Deutschland. Doch es ist nicht nur eine Frage des Geldbeutels.
Ein Buch das jüngst erschien heißt “100 Prozent Bio trotz Hartz IV”
Die Autorin Rosa Wolff schildert in ihrem Buch “Arm aber Bio!”, wie sie einen Monat lang nur 4,50 Euro täglich für Lebensmittel ausgab - und trotzdem komplett Öko aß.
 
Wie hat sich Ihrer Meinung nach der Biomarkt in den letzten zehn Jahren entwickelt? Was hat sich verändert, verbessert, verschlechtert?
Seit der Jahrtausendwende ist „Bio“ etabliert; es ist nicht mehr „peinlich“ einen Bioladen zu besuchen, sie sind hell, freundlich, einladend und gut sortiert.
Das Thema Biologische Landwirtschaft ist in der Öffentlichkeit positiv besetzt, man weiß um die Vorzüge in Bezug auf Umwelt, Geschmack und Gesundheit. Bio ist „gesellschaftsfähig“, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.
Die großen Discounter bieten zunehmend Bioprodukte aus allen Bereichen an. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
 
Positiv.
Jedes Bioprodukt das über die Ladentheke geht ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir haben hier kein Konkurrenzdenken, da uns die Discounter nicht das Wasser reichen können, denn wir haben die bessere Ware, die regionalere Ware, die bessere Auswahl und eine Beratung werden Sie dort ebenfalls missen.
Wer dort zum Bioprodukt greift wird früher oder später auch bei Momo reinschauen.
 
Nachteilig betrachte ich die Entwicklung erst dann, wenn die „Grossen“ Preisdruck auf die Erzeuger ausüben. Wenn zu Rationalisierung und Expansion gezwungen wird. Das ist mit der Idee der biologischen Landwirtschaft nicht zu vereinen. Hier verstehen sich Anbauer, Hersteller und Handel als Partner, die in Berücksichtigung gegenseitiger Interessen das Beste daraus machen wollen.
Ebenso ist es fraglich ob ein „Bio für alle“, wie sich manche Bio-Supermarktketten bewerben, möglich ist. Nicht ohne weiteres.
Das Wachstum der Branche hat durch die Grüne Politik einen deutlichen Schub erlangt, aber eben auf Kosten der Qualität (siehe Unterschiede EU-Bio zu Verbandsware).Ein gesundes Bio braucht ein gesundes Wachstum, und das braucht vor allem: Zeit.
 
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Momo?
Nach dem Umzug vor 5 Jahren, von knapp 100 auf fast 600qm., diversen Baustellen in 2008, 2009 und, wegen eines Wasserschadens nun auch in 2010, wünsche ich mir erst mal einfach nur Alltag im Krämerdasein. Mit meinen tragenden Säulen, den perfekten Mitarbeitern und den nettesten Kunden.
Die Konkurrenz in der Nachbarschaft - eine Biosupermarktkette hat in Spuckweite eröffnet - wird uns nur am Rande beschäftigen.
Wir müssen nicht immer wachsen, es kann auch mal stagnieren, und wir wissen um unsere Stärken und um deren Schwächen.
 
Langfristig arbeiten wir an der Abgrenzung zu solchen Entwicklungen. Wir konzentrieren uns auf Hersteller, die, wie wir, partnerschaftliches Handeln auf allen Stufen, vom Landwirt bis zum Endverbraucher, leben.
Mit der Perspektive kann ich mir ein weiteres Viertel-Jahrhundert MOMO vorstellen.
momo-raoul

 

 




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